Andrea Hessler
















Republik der Besserwisser Auszug aus „Republik der Besserwisser“

Schmatzen, schlürfen, gurgeln, spucken

Jetzt ist es wissenschaftlich erwiesen: Das Getue um den Wein ist überwiegend nur Show. Der Weinforscher Frédéric Brochet aus Bordeaux hat die Kompetenz einiger anerkannter Weinkenner getestet und konnte sie allesamt der Hochstapelei überführen. Brochet füllte in mehrere Flaschen den gleichen, mäßigen Tropfen und versah sie mit verschiedenen Etiketten. Welch erstaunliches Ergebnis: Die grandiosen Tester beurteilten jene Weine am besten, die eine hochtrabende Bezeichnung hatten. Alle Flaschen, die ein Nullachtfuffzehn-Etikett hatten, wurden von den vermeintlichen Fachleuten abgebürstet und mit den üblichen Negativ-Attributen belegt (schlechter Halsabstieg!).
Auch geräuschmäßig sind Önologen total unsensibel. Sie schmatzen, schlürfen und gurgeln - ein Verhalten, das bei einem gepflegten Abendessen völlig indiskutabel wäre, aber als Insider-Sitte von uns Ignoranten staunend akzeptiert wird. Wir fragen uns lediglich, warum bei all den ekligen Behältnissen, in die sie den verkosteten Wein schließlich spucken, nicht schon längst der Wirtschaftskrontrolldienst auf der Matte steht.
Weinforscher Brochet maß übrigens auch die Hirnaktivitäten seiner Testpersonen. Er stellte fest, dass das menschliche Gehirn optische Signale schneller verarbeitet als das, was wir riechen und schmecken. Wir lassen uns also von unseren Augen leiten und betrügen; vielleicht sollten wir künftig besser die Etiketten der Weine, die der Sommelier eines Restaurants kredenzt, gar nicht mehr anschauen. Wer weiß, ob in der Flasche wirklich ein Grand Cru schwappt.